Bitcoin ist „Enemy Money“

Bitcoiner sagen häufig, dass Bitcoin Geld für Feinde sei: Vijay Boyapati hat u. A. darüber getwittert; Nic Carter hat darüber geschrieben; Peter McCormack und American Hodl haben diese Aussage u. A. hier getätigt.

Mark Goodwin schrieb z. B. im Januar 2022: „Bitcoin muss einfach auch für Feinde sein, oder es wird nie wirklich für Freunde da sein.“

Was bedeutet es aber tatsächlich für Bitcoin, „für Feinde“ zu sein? Was bringt diesem, nicht auf Vertrauen, sondern auf Mathematik basierende, dezentralisierte Natur von Bitcoin mit sich?

Logisch: Bitcoin interessiert eine bestimmte Meinung nicht, auch nicht die Einschätzung potenzieller Handelspartner.

Bitcoin ist reiner Code, reine Mathematik. Bitcoin funktioniert somit immer einfach nach mathematischen Regeln, egal ob er von Freund oder Feind genutzt wird.

Das ist grundsätzlich wahr, aber das gilt bisher auch für jedes andere Geld: Mit Cash kann ich auch problemlos bei Fremden und Feinden Lebensmittel einkaufen.

Bitcoin kann den Menschen ermöglichen, einvernehmliche Transaktionen durchzuführen, ohne zu wissen, ob der andere ein Feind oder Freund ist.

Das ist wahr, gilt aber ebenso für jedes andere Geld: Wir überprüfen auch keine Baristas auf ihre ideologische Rechtschaffenheit, bevor wir eine Tasse Kaffee bei ihnen bestellen.

Vielleicht geht es also eher um zensierte Transaktionen, bei denen Käufer und Verkäufer gerne eine Transaktion tätigen würden, aber eine dritte Partei (Politiker, Bank, Zahlungsabwickler, Strafverfolgungsbehörden) dieser im Weg steht und die Zahlung blockiert.

Das ist offensichtlich eine große Verbesserung, die Bitcoin, Gold oder Bargeld dem Geldsystem bringen.

Wie Bitcoin tut, was Geld tut

Bitcoin ist nicht für Freunde. In der Tat braucht eine Wirtschaft der Freunde überhaupt kein Geld. (Sie brauchen vielleicht eine Rechnungseinheit, um Gefallen zu verfolgen und auszugleichen, aber unter gutgläubigen Freunden lässt sich auch das durch Tauschhandel regeln).

Dies ist der Grund, warum G. A. Cohens berühmte Analogie des Campingausflugs zunächst funktioniert:

In „Why Not Socialism?“ stellt Cohen eine reale Situation vor, in der Freunde entsprechend ihren Fähigkeiten Dinge und Gefallen geben und entsprechend ihren Bedürfnissen Dinge und Gefallen in Anspruch nehmen. Da wir das alle tun, wenn wir zusammen wegfahren, warum könnte die Welt nicht auch nach diesen Prämissen funktionieren?

Im engen Beispiel des Campingausflugs klappt das. Aber im weiteren Sinne für eine große Welt, in der wir nicht jeden gut kennen, nicht garantieren können, dass der andere das Beste für einen möchte, funktioniert das natürlich so nicht.

In der Tat ist die eigene Familie die einzige vertrauenswürdige funktionierende sozialistische Kommunen der Welt – und sie verlässt sich nicht auf Geld.

Zumindest muss sie das nicht. Stattdessen arbeitet sie mit Vertrauen, mit unbestimmten Gefallen, die geistig verrechnet (oder wohltätig gewährt) werden, und mit unbestimmten Verantwortlichkeiten, die mit der jeweiligen Rolle in Einklang stehen. Mit einem Wort: Kredit. Freunde und Menschen innerhalb einer Familie können eher mit Vertrauen arbeiten, denn das ist billiger (weniger ressourcenintensiv) als Geld.

In einer Welt mit vollständigem Engagement und vollem Vertrauen ineinander brauchen die Akteure kein Geld und können sich stattdessen vollständig auf Kredite verlassen.

Stellen Sie sich vor, dass jedes Mitglied der Wirtschaft – ob klein oder groß – volles Engagement und volles Vertrauen hat. Nun kann man die Ressourcenkosten und Umstände von Geld ja quasi einfach umgehen.

Die imaginäre Buchführung von Krediten reicht in diesen Fällen aus.

Stefano Ugolini, ein Wissenschaftler für Zentralbankwesen an der Universität Toulouse, schreibt im typischen Jargon der Geldwirtschaft: „Die Reibungen, die nötig sind, um Geld unentbehrlich zu machen, machen Kredite in der Regel undurchführbar, und Umgebungen, in denen Kredite möglich sind, sind solche, in denen Geld in der Regel nicht notwendig ist.“

Damit Geld ein konkurrierendes System verbessern kann, das ausschließlich auf Kredit und Vertrauen basiert (wie unsere obige Geschichte vom Freundschafts-Camping), legen die von den Geldwirtschaftlern entwickelten Modelle nahe, dass die Akteure

  • kein perfektes Gedächtnis über frühere Handelspartner haben (oder Anonymität) haben können;
  • nur begrenzt in der Lage sein müssen, Zusagen zu machen und durchzusetzen; und
  • die Möglichkeit einer einmaligen Transaktion haben (z. B. wenn Fremde in die Stadt kommen).

Das klingt sehr viel mehr nach unserer Welt als nach den Modellen, mit denen die Geldwirtschaftler spielen.

Mit anderen Worten, wir befinden uns genau in dem Umfeld, in dem Geld unverzichtbar ist.

Geld dient der Abwicklung von Geschäften, wenn wir einander nicht vertrauen oder nicht vertrauen können, wenn es sich nicht um wiederholte Geschäfte handelt oder wenn die transaktionalen Bindungen zueinander nicht stark sind.

Denn was ist eigentlich Geld? Geld ist ein Anspruch an die Gesellschaft. Ein Beweis und Wertspeicher meiner Arbeitsleistung.

Jetzt nähern wir uns den bekannten Satoshi-Aussagen, unabhängig davon, ob dieser sich bewusst war, dass die Geldwirtschaft schon Jahrzehnte zuvor zu diesem Ergebnis gekommen war oder nicht:

„Das Hauptproblem bei konventionellen Währungen ist das Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren. Man muss der Zentralbank vertrauen, dass sie die Währung nicht entwertet, aber die Geschichte der Fiat-Währungen ist voll von Verstößen gegen dieses Vertrauen. Man muss den Banken vertrauen, dass sie unser Geld aufbewahren und elektronisch überweisen, aber sie verleihen es in Wellen von Kreditblasen, ohne auch nur einen Bruchteil davon zurücklegen zu können. Wir müssen ihnen unsere Privatsphäre anvertrauen und darauf vertrauen, dass sie unsere Konten nicht von Identitätsdieben plündern lassen. Ihre massiven Gemeinkosten machen Kleinstzahlungen unmöglich.“

Einer der grundlegendsten Artikel der monetären Ökonomie ist „Das Böse ist die Wurzel allen Geldes“ von Nobuhiro Kiyotaki und John Moore, der die alte biblische Aussage umkehrt.

Hier stellen die beiden die seit langem bestehenden monetären Märkte des Handels dar und untersuchen die Bedingung der doppelten Übereinstimmung der Bedürfnisse, die als Rechtfertigung für Geld verwendet wird, seit William Stanley Jevons den Satz 1875 geprägt hat.

Sie zeigen hierin auch, dass dies nicht der einzige oder sogar der wichtigste Weg ist, um Geld in einer Volkswirtschaft funktionsfähig zu machen. Insbesondere Geld in Formen, die keinen anderen wirtschaftlichen Nutzen haben (d. h. das, was Geldökonomen mit „innerem Wert“ meinen).

Stattdessen zeigen sie, dass mangelndes Engagement und die „Berücksichtigung eines Mangels an Vertrauen“ primär, ja sogar „der Ausgangspunkt für eine Theorie des Geldes“ sind.

Einige Jahre zuvor hatte der damalige Ökonom Narayana Kocherlakota aus Minneapolis gezeigt, dass „Geld lediglich eine primitive Form des Gedächtnisses ist.“

Man beachte hier die Bitcoin-Verbindung, denn was sind Bitcoins Blöcke mit UTXOs anderes als eine lange Tabelle von Transaktionen, die als Geldspeicher fungieren?

Geld/Bitcoin überwindet das Problem des Vertrauens, weil „jede Funktion, die Geld erfüllt, durch die Möglichkeit des Zugriffs auf die Vergangenheit der Handelspartner erfüllt werden kann“.

Kocherlakota erklärt: „Wenn ein Akteur in einer monetären Umgebung heute Ressourcen abgibt, erhält er Geld, das er in der nächsten Periode zum Kauf von Ressourcen verwenden kann.

Analog dazu wird in einer Umgebung mit Gedächtnis für jeden Akteur eine imaginäre Bilanz geführt. Wenn ein Individuum etwas konsumfähiges an jemand anderen abgibt, steigt sein Kontostand, und seine Fähigkeit, zukünftige Transfers zu empfangen, nimmt zu.

Bekommt er etwas zu Konsumieren von jemand anderem, sinkt sein Saldo, und seine Fähigkeit, künftige Transfers zu empfangen, nimmt ab. Im monetären Umfeld ist Geld lediglich ein physisches Mittel zur Aufrechterhaltung dieser Bilanz.

Dies verdeutlicht, wie Geld, wenn es seine Aufgabe richtig erfüllt, die möglichen Handelsmöglichkeiten für uns alle erweitert. Ein gutes Geld verbessert die Handelsmöglichkeiten, die uns ohne Geld zur Verfügung stehen.

Ein richtiges Geld (wie Bitcoin) liefert uns wahrheitsgemäße Signale über Knappheit und Bedarf, über das, was wirtschaftlich verfügbar ist, und über das, was die Menschen nachfragen.

Der Zweck immaterieller Token oder sogar glänzender Metalle, die nichts zu bewirken scheinen, besteht darin, eine technologische Innovation zu sein, die den Handel erleichtert, wie William Goetzmann in seinem großartigen Buch „Money Changes Everything: How Finance Made Civilization Possible“ so überzeugend dargelegt hat.

Daher war die Rede von den Ressourcenkosten des Geldes immer nur ein reines Ablenkungsmanöver. Durch die Ausweitung des Handels und der Arbeitsteilung, durch die Überwindung des Problems des unvollkommenen Vertrauens, des Gedächtnisses oder der Verpflichtung schafft Geld/Bitcoin und ein solides Geldsystem einen Mehrwert für die Gesellschaft. Es verbessert unser wirtschaftliches Wohlergehen, anstatt es unnötig zu schmälern.

Ein weiterer monetärer Knoten, den Bitcoin auf elegante Weise löst, ist Armen Alchians Rechtfertigung für Geldinstitute als kostengünstige Inspektoren des monetären Tokens: „Jeder, der gebrauchtes Papier kauft, muss auch dessen Echtheit überprüfen, was die Geschwindigkeit der Transaktion verlangsamt. […] Unwissenheit führt dazu, dass Geld benutzt wird und dass Geld einen gleichzeitigen Austausch mit spezialisierten, fachkundigen, hoch angesehenen Mittlern erfordert.“

Bitcoin umgeht den Mittelsmann und erreicht in der modernen digitalen Welt die ideale Vertrauenslosigkeit, welche die Welt benötigt. Er ist sofort zu 100 % überprüfbar, seine Aufnahme in einen vorherigen (gültigen) Block trivialerweise leicht selbst zu kontrollieren.

Es ist genau die Technologie, die Kocherlakota in den 1990er Jahren identifizierte und über die Goetzmann in jüngerer Zeit berichtete: ein kollektives Gedächtnis, eine Aufzeichnung vergangener Transaktionen.

Ein gutes Gedächtnis macht gutes Geld

Wenn wir unter Feinden all diejenigen sehen, denen wir nicht (vollständig) vertrauen oder denen wir nicht (vollständig) vertrauen können – also fast alle, denen wir in der modernen Welt begegnen – dann ist natürlich nicht nur Bitcoin für Feinde.

JEDES Geld ist für Feinde. Wir vertrauen Freunden, Familienmitgliedern und geliebten Menschen, und mit ihnen können wir einen für beide Seiten vorteilhaften Austausch betreiben, ohne auf Bitcoin oder altes, von den Zentralbanken kontrolliertes, Geld zurückgreifen zu müssen.

Aber wenn das Vertrauen fehlt und kein glaubwürdiges Engagement vorhanden ist, kommt Bitcoin, also das Geld ins Spiel.

Zu sagen, dass Bitcoin für Feinde ist, ist eigentlich trivial: Jedes Geld ist für Situationen gedacht, in denen wir unseren Handelspartnern nicht vollständig vertrauen können.

Im englischen Original ist dieser Text zum großen Teil ein Gastbeitrag von Joakim Book, publiziert im Bitcoin Magazine vom Februar 2022.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.